Text: Detlef Hoepfner, Fotos: Detlef Hoepfner und Sound Company
Die nagelneue  Preussag  Arena  Hannover  soll  auch
klassischen Konzerten ein Forum bieten. Wir konnten
mit  der  Oper  Tosca  eine  der  ersten Klassik-Veran-
staltungen in der Mehrzweckhalle besuchen.
 

MODERNE Mehrzweckhallen dienen vielen Anwendungen - einen guten Ruf als Veranstaltungsstätte für klassische Konzerte haben sie daher nicht. Zu verschieden sind die Gegebenheiten, die oft nicht einmal die weniger komplexen Anforderungen von Pop- und Rock-Events befriedigen, von einem ausdrücklichen Konzertsaal. Ungewöhnlich ist daher das Bestreben des Betreibers der Preussag Arena Hannover, diese für das anspruchsvolle Klassikpublikum zu öffnen.

PREUSSAG ARENA
HANNOVER
Die typischen Probleme einer solch großen Halle beginnen mit ihrem Volumen, die Preussag Arena bietet 14.000 Sitzplätze und ein Volumen von rund 171.000 Kubikmetern. Hinzu kommen bei vielen Hallen eine hohe, reflektierende Decke und harte Wandbegrenzungen, deren akustische Störungen - wie genug

Beispiele zeigen - im Nachhinein mit elektroakustischen Tricks und Kniffen nicht in den Griff zu bekommen sind. Um hier effektive Abhilfe zu schaffen, müssen von vornherein aufwendige akustische Maßnahmen getroffen werden, will man diese baulichen Ergänzungen nicht erst später (und dann noch teurer) nachrüsten. Die Preussag Arena ist einer der wenigen Fälle, in denen im Vorfeld angesichts der Klassikambitionen ausreichende Überzeugungsarbeit geleistet werden konnte, so dass sie einige Unterschiede zu den üblichen dröhnenden Betonkuppeln aufweist. Schon beim Betreten fällt das angenehme akustische Ambiente auf. Dazu tragen gepolsterte (und nebenbei bequeme) Sitze bei, die auch im hochgeklappten Zustand ihre Dämpfungseigenschaften behalten, so dass der akustische Unterschied zwischen leerer und vollbesetzter Halle gemildert wird. Weniger offensichtlich ist, dass auch die Wände und die Decke umfangreich akustisch behandelt wurden und

optimierend wirken, was ein nicht geringes zusätzliches Budget erforderte. Nicht nur von den baulichen Eigenschaften profitiert der Besucher, sondern auch von deren besonderer personellen Ausstattung. Statt dass nur ein Hallentechniker mit Befugnis für die "Hausmeistertaste" zwischen Ansprüchen von Künstlern und Besuchern einerseits und mangelnder technischer Ausstattung andererseits aufgerieben wird, gibt es in der Preussag Arena eine fest beheimatete Filiale der in Sachen Beschallungs- und Lichttechnik erfahrenen Unternehmensgruppe Sound Company, deren Stammsitz sich in Gelsenkirchen befindet. Dieser technische Partner der Preussag Arena garantiert eine flexible und qualifizierte Betreuung der A/V- und Medientechnik. Eine besondere Herausforderung stellte nun die Oper Tosca dar, während der sich das Konzept zu bewähren hatte. Geschäftsführer Frank Hano und Technischer Leiter Frank Benning von der Sound
 

Seitlich und über der Bühne gehängte Reflektoren
(grau) versorgten Publikum und Musiker mit dem
gewohnten Schallfeld.

 

Company waren dabei in Kooperation mit dem Theatro dell`opera Roma, das mit nicht weniger als 65 eigenen Crewmitgliedern und 270 Künstlern anrückte, für die komplette technische Umsetzung verantwortlich. Inbegriffen waren neben der Tontechnik die Theaterbeleuchtung, Rigging und Bühnenbau. Auf Grund der großen Bühnenbilder wurden auf Basis des Hallen-Pre-Riggs ein Pre- und Mainrigg installiert, das einerseits einen klassischen Theaterschnürboden bildete, aber auch die Ton- und Lichttechnik aufnahm.

AKUSTIK-KONZEPT FÜR
DIE OPER TOSCA
Eine qualitativ überzeugende Hallenakustik alleine reicht nun aber noch nicht aus, eine authentische Opern-Atmosphäre zu erzeugen, wie sie vom Publikum erwartet wird. Daher wurde als akustischer Berater Ing. Adolf "Tucherl" Toegel hinzugezogen, der sich seit Jahrzehnten nicht nur der

Beschallungstechnik verschrieben, sondern sich insbesondere mit kniffligen Klassikproduktionen einen Namen gemacht hat. So gehört zu seinen "Standardproduktionen" die Open Air-Eröffnung der Wiener Festwochen. Toegel verfolgte bei seinem Konzept zwei Ziele: Die Erzeugung eines möglichst authentischen, geschlossenen Direktschallfeldes sowie dessen behutsame Fortführung durch Lautsprecher in den Raum. Eine direkte Mikrofonierung aller Instrumente kam in diesem Fall für ihn nicht in Frage, da sie nach seinen Erfahrungen nie zu einem angenehmen, bei allen Dynamikstufen homogenen Orchesterklang führen kann, sondern immer zu Schärfe und Spitzen neigt, die sich auch am Pult - hier ein 48er Midas XL200 mit MIDI-Mute-Automation und zwei 40er Midas XL3 - nicht mehr korrigieren lässt. Statt einer Fülle von Einzelmikrofonen fanden sich daher auf der Tosca-Bühne relativ wenige, zu Instrumentengruppen zusammengefasste Kondensatormikrofone. Eingesetzt

wurden von Schoeps CCM21, CCM4, CMC-MK4 und Sennheiser MKH60. Auch die Sänger waren zwar einzeln mikrofoniert, indem man sie mit Sennheiser-Taschensendern und B&K-Kapseln 4010 versah. Sie wurden aber noch durch einige Condenser (u. a. Microtech Gefell KEM 970) an der Bühnenkante derart unterstützt, dass sogar trotz einer zugeschminkten Kapsel noch ein problemloser Betrieb möglich blieb, wie die Erfahrung zeigte. Die Voraussetzung für ein derartiges Konzept ist natürlich eine entsprechende Auswahl und Positionierung der Lautsprecher, da sonst die Gefahr von Rückkoppelungen besteht.

REFLEXION UND
DIFFUSION
Damit verbunden war nun eine zweite akustische Maßnahme: Um auf der Bühne bereits ein befriedigendes Klangfeld zu bilden, installierte Toegel eine Reihe von Reflektoren/Diffusoren, die von dem Akustiker Dr. Bernd Quiring
Das Kardioid-Ebenen-Mikrofon Microtech
Gefell KEM 970 stützte von der Bühnenkante
die Solisten und bot neben seiner engen
Vertikalebene überzeugende Klangqualität.

 

 

"Es geht nicht darum, dass man sich beweist,
sondern dass das Publikum einen tollen
Abend hat." (A."Tucherl" Toegel)

 

 

 

Die internationale
Audio-Crew.


Über vier Konsolen und das BSS Soundweb wurde der Klangkörper
von der Bühne auf die Renkus-Heinz Line-Arrays, die Delays und die
Hallenlautsprecher verteilt.
konzipiert worden waren. Diese Flächen wirkten gleichermaßen reflektierend und streuend, so dass zwei Effekte eintraten: Einerseits bekamen die Musiker auf der Bühne ein relativ vertrautes Klangfeld, in dem sie sich und die Mitmusiker erkennen konnten, ohne dass die Bühne mit zu vielen Monitoren überschwemmt wurde (die dann wieder in die Mikrofone übersprechen würden etc.). Andererseits transportierten diese gezielt gewölbten Flächen den Klang von der Bühne in die Halle. Nicht unwichtig ist dies alleine deshalb, weil bei Tosca teilweise hinter der Bühne mehr Aktion stattzufinden scheint als auf der Bühne: Manche Musiker arbeiten seitlich versteckt, und ein ganzer Chor ist backstage unterzubringen. Bühnefläche, Orchestergraben, Chorstufen und Hinterbühne umfassten immerhin 460 Quadratmeter. Das Schallfeld der Reflektoren wurde nun unterstützt durch die PA, deren Lautsprecher teilweise direkt an der Kante der Reflektoren positioniert waren, um deren Schallfeld fortzuführen. Zum Einsatz kamen von Renkus-Heinz - die Sound Company ist R-H-Stützpunkt - CE-3TMHA, CE-3TLO, CE-3TA, C2-Sub, MR-5A und SR121D.

INTEGRATION DER
HALLEN-LAUTSPRECHER

Die Positionen der Lautsprecher dienten ebenfalls dem Zweck, eine überzeugende Opernakustik nachzubilden. Neben den erwähnten Strahlern direkt am oberen Reflektor, welche nach unten den Nahbereich abdeckten, gab es als wichtigste Quelle zwei vertikale Line-Arrays über der Bühne. Diese waren etwas nach hinten versetzt, so dass einerseits der sich unten davor befindende Reflektor das Übersprechen auf die Bühne minderte, andererseits ergab sich für die Zuhörer dadurch ein nicht ganz so steiler Winkel nach oben; die akustische Ortung wurde also ein wenig nach unten in Richtung Bühne gedrückt. Schließlich wurden eine Delay-Line mit vier Renkus-Heinz CE-3TA sowie 16 der 50 im Raum verteilten Hallenlautsprecher (Renkus-Heinz) genutzt, die Ränge abzudecken. Die restlichen Lautsprecher der Halleninstallation wurden zur Raumhallsimulation mittels eines Lexicon 960 im Surroundmode und zur Einspielung mehrkanaliger Raumeffekte herangezogen. Die Ankopplung der halleneigenen Media-Matrix an die vier mobil eingebrachten BSS Soundweb 9088 war sicher ebenfalls nur möglich,

weil umfangreiches Know-how über die installierte Halleninfrastruktur vorhanden war. Nebenbei erlaubte das Soundweb den Ingenieuren - nachdem das italienische Team einmal überzeugt war - sehr schnell in das installierte feste und mobile System einzugreifen. So konnte bei unserem Besuch beispielsweise mit einem Mausklick das wirklich sehr komplexe Routing komplett abgeschaltet werden, um ein Störgeräusch zu orten (fündig wurde man übrigens im Klimabereich). Auch das penible Einmessen der Anlage durch Adolf Toegel mit MLS-Signalen sowie Unterstützung von SMART wurde natürlich komfortabler. Das akustische Ergebnis schließlich überzeugte sehr und rechtfertigte die gefundene Lösung. Orchester und Sänger präsentierten sich in einem sehr homogenen Gesamtklang, der sich nur in den allerwenigsten Momenten und wohl auch nur für den Fachmann als zusätzlich verstärkt zu erkennen gab - und das System ist nicht nur leise im Hintergrund mitgelaufen. Der Eindruck wurde auch vom Publikum zum FOH-Platz übermittelt: "Wofür denn diese ganze Technik - man hört doch nur die Musiker selbst?"

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